Der Winter 2011/2012 hat leider gezeigt, dass der boomende Schitourensport seine Opfer fordert. Der massive Schneefall in den Alpen und stürmische Winde ließen die Lawinenabgänge und diesbezügliche Einsätze der Bergrettung erheblich ansteigen. Dies müsste jedoch nicht so sein. Die beste Prävention vor der Verschüttung ist, die Lawine erst gar nicht auszulösen. Das setzt voraus, dass man sich als Tourengeher mit den Strategien der Vermeidung auseinandersetzt.
Zu allererst soll gesagt sein, dass das Zustandekommen von Lawinen ein komplexer Vorgang ist. Selbst Lawinenexperten sind schon von den weißen Massen verschüttet worden. Bei allem Wissen rund um dieses Thema bleibt immer ein Restrisiko, die Unberechenbarkeit der Natur.
Um dieses Restrisiko so gering wie möglich zu halten gibt es diverse Strategien. Diese sind zum Beispiel "3 x 3" von Werner Munter, "Stop or go" vom österreichischen Alpenverein, die "Snowcard" vom deutschen Alpenverein oder "W3" der Naturfreunde. Sie alle basieren auf den Warnstufen der Lawinenwarndienste und bieten eine leicht verständliche Übersicht über die wichtigsten Punkte, die bei der Beurteilung der Situation zu beachten sind. Man muss mit diesen Strategien umgehen lernen, sie gut kennen und trotzdem wissen, dass es ein Restrisiko gibt. Man muss mit Begriffen wie "Triebschnee" oder "Setzungsgeräusche" etwas anzufangen wissen und das allerwichtigste: Man muss eine Karte lesen können, um die Steilheit der Hänge heraus messen zu können.
Nicht blind einer vorhandenen Spur nachgehen
Das Kartenlesen ist in jedem Fall eine sehr wichtige Sache bei der Tourenplanung, die mitunter auch helfen kann, einen Lawinenabgang zu vermeiden. Denn einer schon vorhandenen Spur blind nachzugehen ist nie eine gute Idee. Man weiß nicht wer diese Spur wann angelegt hat und nur weil es am Vortag nicht lawinengefährlich war, heißt das noch lange nicht, dass dasselbe auch für heute gilt. Insofern muss man in der Lage sein, seine Tour selbst zu planen und eventuell vorhandene Spuren zu bewerten und vielleicht eine bessere anlegen zu können. Auch ein Tiefschneehang, der schon durch mehrere Spuren zerfurcht ist, muss nicht unbedingt lawinensicher sein, man sollte sich insofern immer auf seine eigenen Instinkte und sein eigenes Wissen verlassen können.
Ein weiterer Punkt für die optimale Beurteilung der Lawinensituation ist das Wissen um die Warnstufen. Man muss wissen woher man einen Lagebericht bekommt, mit Begriffen wie "Exposition" oder "Geländekammer" etwas anfangen können und verstehen, welchen Einfluss die Windrichtung auf das gewünschte Tourenziel hat.
Minimalausrüstung immer mitführen
Absolut unerlässlich für jeden Tourengeher, egal ob mit Schi oder Schneeschuhen, ist das Mitführen von
1) Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS-Gerät) – eingeschaltet und am Körper unter dem obersten Kleidungsstück getragen,
2) Sonde (im Rucksack) und
3) Schaufel (im Rucksack)
und vor allem der richtige Umgang mit dieser Ausrüstung.
Die Anwendung von jedem dieser drei Geräte gehört vor allem am Anfang, aber auch während der Saison unbedingt immer wieder geübt, damit man im Ernstfall nicht mehr lange überlegen muss. Wer nicht weiß, wie man LVS, Sonde und Schaufel verwendet, besucht am besten einen Kurs in einer Alpinschule denn eine solide Ausbildung ist die beste Vermeidungsstrategie. Optimalerweise hat man ein Handy dabei, mit dem man im Notfall schnell den Bergrettungs-Notruf 140 anrufen kann. Auch wenn man in seinem Netz keinen Empfang hat, Notrufe kommen unentgeltlich über die Netze der anderen Anbieter ans Ziel. Zusätzlich werden Orientierungsmittel, Erste-Hilfe-Tasche, Biwaksack, Harscheisen und ein zusätzlicher Wärmeschutz als Minimal-Ausrüstung empfohlen.
Je größer das Wissen, desto besser die Prävention
Diese Strategien sind auf alle Fälle eine gute Voraussetzung, eine sichere Tour genießen zu können. Je mehr Wissen man sich über Lawinen aneignet, desto besser kann man diese vermeiden. Die Lektüre eines Buches oder der Besuch eines Kurses, den alpine Vereine oder Bergschulen anbieten, kann hierbei auf keinen Fall schaden. Ein guter Schitourengeher ist nicht unbedingt einer, der am schnellsten auf dem Gipfel ist oder der die kühnsten Besteigungen wagt, sondern einer der die Lage einschätzen und gute Entscheidungen treffen kann. Diese Fähigkeit lernt man aber nicht von heute auf morgen, sondern sie wächst mit der Erfahrung. Man auf jeder Tour Neues und wenn man sich mit den Tourenpartnern berät, fachsimpelt und gemeinsam versucht, die Lage zu erfassen, ist das Teil des Lernprozesses.
Um überhaupt etwas damit anfangen zu können, was in Büchern und Magazinen theoretisch Beschrieben wird, könnte man sich etwa mit der Materie Schnee näher befassen. Ein Schneeprofil zu graben ist zum Beispiel so eine nette Spielerei, die man in eine der ersten Touren mit einbauen kann. Ein solches Schneeprofil ist zwar kein aussagekräftiger Indikator der Lawinensituation im Gebiet, weil die Schneedecke hundert Meter weiter oben, zehn Meter weiter links oder gleich daneben unter der Felsnase gleich ganz anders aussehen kann. Es ist aber trotzdem eine gute Methode, mit der man sich einen Schneedeckenaufbau veranschaulichen und theoretisches Wissen mit selbst erlebten Bildern festigen kann.
Anna Walli