Dazu im folgenden der Bericht des berühmten Wiener Bergsteigers Eduard Pichl als Augenzeugen des damaligen Geschehens:
Der Alpine Rettungsausschuß Wien. In: Eduard Pichl (1927) Wiens Bergsteigertum. Österr. Staatsdruckerei, Wien. Seite 133:
Am 7. März 1896 wollte der Verfasser mit einem Gefährten über den Reißtalersteig zum Karl-Ludwig-Haus aufsteigen. Schnee und Sturm wüteten den ganzen Tag, Staublawinen rauschten über die Raxenmäuer und suchten den Weg zu Tale, da ließen die beiden von ihrem Vorhaben und bahnten sich unter größten Schwierigkeiten in Eis und Schnee einen Ausstieg über den sonst leichten Wetterkogelsteig zur Hochfläche. Der Pächter des Karl-Ludwig-Hauses, Jeller und seine Frau, mußten die beiden vereisten Gestalten erst mit dem Besen reinigen und durch Wärme auftauen. Der nächste Tag schien besser, da wagten drei Wiener Bergsteiger, Josef Pfannl, Schottik und Wannieck, vom Tal aus den Versuch über den Reißtalersteig. Sie kamen nicht wieder, mächtige Lawinen begruben sie. Die Such- und Bergeunternehungen konnten nur mit unzureichenden Mitteln und Kräften unternommen werden. Auch schon vorher hatte es bei ähnlichen traurigen Anlässen in der Durchführung von Rettungen gehapert.
Da schlug Ing. Franz X. Kleinwächter im Ö.A.K. (Österreichischer Alpenklub) in Wien am 24. April 1896 die Bildung einer freiwilligen Rettungsmannschaft vor, um bei Bergunglücken rechtzeitig helfen zu können. Ein aus Heinrich Krempel, Kleinwächter und Theodor Keidel gebildeter Ausschuß setzte sich zusammen, beschloß, Verteter der Sektion „Austria“ und der Akademischen Sektion Wien (ASW) des D.Ö.A.V, des Österreichischen Gebirgsvereines (Ö.G.V.), des Österreichischen Touristen-Clubs (ÖTC, später Ö.T.K)., der „Naturfreunde“ (TVN) und der alpinen Gesellschaften Ennstaler und Voistaler einzuladen, und schuf durch den so zustande gebrachten größeren Ausschuß den Alpinen Rettungsausschuß Wien.
Die Offizielle Gründung als Verein durch die Konstituierende Versammlung fand am 22. Mai 1896 statt.
Das Wiener Ausflugsgebiet als Wirkungsgebiet des Alpinen Rettungssausschusses umfaßte folgende Gebirgsgruppen:
Raxalpe, Schneeberg, Schneealpe, Veitschalpe, Gippel und Göller, Hochschwab, Dürrenstein und Ötschergebiet, das ganze Gebiet des Gesäuses inclusive der Hallermauern, Zeiritzkampel, Rothwand, Leobner- und Seckauer-Zinken und Bösenstein.

Nach zahlreichen Unfällen in den Bergen wurde ein Unglück am 8. März 1896 am Reißthalersteig auf der Rax, bei dem drei Männer (Josef Pfannl, Max Schottik und Fritz Wannieck) in einer Lawine ums Leben kamen, zum Auslöser der Gründung der ersten alpinen Rettungsorganisation der Welt: „Alpiner Rettungs-Ausschuß Wien“ (ARAW). Heinrich Pfannl, der prominente Bruder von Josef, war nicht nur sofort an der Suche und ihrer Organisation beteiligt, sondern hatte auch maßgeblichen Anteil an den sofort anschließenden Diskussionen über die Gründung einer eigenen Organisation, die alpine Bergungen veranlassen, durchführen und finanzieren sollte.

Mit den Worten von Camillo Kronich hört sich das so an:
AUS BERGNOT GERETTET
„Wenn ich heute all die Jahre zurücksehe und die ganze Reihe der Rettungsexpeditionen, welche ich geleistet, oder bei deren Durchführung ich dabei war, vor meinen geistigen Auge vorüber gleiten lasse, so muss ich mich besonders daran erinnere, dass es ja damals wie ich die ersten Rettungen durchführte, es so eine fabelhafte Institution einer alpinen Rettungsstelle, wie wir sie heute kennen, nicht gegeben hat.
Erst durch die Verunglückung der Wiener Bergsteiger Pfannl, Schottig und M.Wanieck am 8. März 1896 auf den Reisstalersteig auf der Rax, wurde in der nächsten Wochenversammlung im österreichischem Alpenklub die Anregung vorgebracht eine freiwillige Rettungsmannschaft aus Mitgliedern des Österreichischen Alpenklubes zu bilden, Noch am gleichem Abend wurde ein Ausschuss bestehend aus den Mitgliedern Theodor Keidl, A. Kleinwächter, A, Krempl gewählt, welche die Aufgabe Übernahmen diese Angelegenheit vorerst zu beraten und dem Klub Vorschläge zu erbringen. Nach reiflicher Überlegung beschloss dieser Ausschuss alle alpinen Vereine von Wien zur Mitwirkung heran zu ziehen. Da sich anlässlich solcher Unfälle zu dieser Zeit außer den Angehörigen oder Freunden der Verunglückten niemand um diese kümmerte und auch die Angehörigen meistens keine Bergsteiger waren und der Sache meistens ratlos gegenüberstanden, so fand die Anregung des Alpenklubs ungeteilten Beifall und bald konnte aus den Vertretern der damaligen Vereine ein gebildeter Ausschuss zu regelmässigen Sitzungen zusammen treffen. Ing. Kleinwächter waren daran die größten Verdienste zuzuschreiben. Die Bemühungen darum hatten fast ein Jahr gedauert, Der alpine Kettungsausschuss Wien fand bald großen Anklang auch im Ausland und der schweizer-, der italenische sowie auch der französische Alpenklub wandten sich denn auch bald an A. R. A. W. um Auskünfte über die ganze Einrichtungen usw. einzuholen.
Wenn nun nicht auch gleich die Wirkung des alpinen Rettungsausschusses zum Tragen kam, so wurde diese Einrichtung doch bald bekannt, und sehr geschätzt.“

 

Alpinismus:

 

 Folgende Daten sollen illustrieren, in welchen Zeitumständen die Bergrettung gegründet wurde, und speziell, was damals im Gründungsjahr 1896 in den Bergen noch alles geschah:

 Bergbesteigungen:

1580 Schneeberg (Charles de l’Ecluse, genannt Clusius, Gelehrter am Hof in Wien)

1762 Ankogel

1786 Monte Blanc (höchster Berg der Alpen)

1791 Hochgolling

1786 Wiesbachhorn

1800 Großglockner (höchster Berg Österreichs)

1804 Ortler (lange Zeit der höchste Berg der k.u.k. Monarchie) durch Erzherzog Johann, der auch 1814 die Hochwildstelle und den Hochgolling bestieg.

Tourismus und der Bau der großen Eisenbahnlinien:

Semmeringbahn 1854, Westbahn 1860, Brennerbahn 1867, Arlbergbahn 1884, Schneebergbahn 1897, sowie die Zahnradbahn auf den Hochschneeberg.

War der Tourismus ohnehin in diesem Jahrhundert entstanden, so entwickelte er sich durch die verbesserten Reisemöglichkeiten mittels Eisenbahn besonders stark. So gingen bereits 1895 auf Schneeberg und Rax 30.000 Besucher!

Gründung alpiner Vereine:

1857 entstand unter John Ball der elitäre „Alpine Club“, der nur Bergsteiger aufnahm, die bereits eine Höhe von 13.000 Fuß ( etwa 4 000 Meter ) erreicht hatten.

1862 Österreichischer  Alpenverein (ÖAV)

1863 Schweizer Alpenclub (SAC) und der Club Alpin Italiano (CAI)

1869 Deutscher Alpenverein (DAV)

1875 Touristenverein „Die Naturfreunde“ (TVN)

daneben viele kleine Gruppierungen („Alpine Gesellschaften“), die sich jeweils nach Gebieten oder gastlichen Treffpunkten benannten.

 Das Jahr 1896 in unserem Gebiet und in den Bergen:

  • Eröffnung der Sparbacher Hütte und der Kienthaler Hütte am Schneeberg.
  • Erbauung der Schneebergbahn und der Zahnradbahn auf den Schneeberg, beide eröffnet 1897.
  • Der alpine Ski-Pionier Mathias Zdarsky meldet die von ihm erfundene Ski-Bindung am Patentamt an und veröffentlicht sein Lehrbuch „Alpine Skilauf-Technik“.
  • Der Alpenskiverein wird in Wien gegründet, und am 6. Jänner findet in Pötzleinsdorf des erste „Österreichische Ski-Derby“ statt.
  • Am 5.1. ersteigen W. Paulke, V. de Beauclair, E. Bauer und P. Steinweg mit Schiern den Oberalpstock (3328m) und somit den „ersten Schi-Dreitausender der Alpen“.

Am 19.5. ersteigen W. v. Arlt und A. Waggerl Sonnblick und Schareck in den Hohen Tauern, die „ersten Schi-Dreitausender Österreichs“. Der Schneeberg wird übrigens erstmals bereits 1895 von Toni Schruf, späterer „Localstellenleiter“ in Mürzzuschlag, im Winter mit Schiern erstiegen.

Am 11.10. durchsteigen H. Pfannl (der Bruder des am Reißtalersteig verunglückten Josef Pfannl), Th. Maischberger, Th. Keidel und B. Wessely die Hochtor-Nordwand im Gesäuse auf    schwieriger Route.

  • Am 7.10 bringt der Abgeordnete Dr. Roser im Österreichischen Abgeordnetenhaus den Antrag ein, im Gebirge ein Gehen ohne Führer zu verbieten.
  • Ein Bär erscheint im Karwendel, und im Villnößtal wird der letzte Wolf geschossen.
  • Errichtung von Telephonanlagen zu den Schutzhütten Zugspitzhaus, Knorrhütte, Brünnsteinhaus, Berliner Hütte und Furtschagelhaus.

Der ÖAMTC wird gegründet. Heute ist er für die Hubschrauberbergungen zuständig, also auch für die aus dem alpinen Bereich, wobei ursprünglich die Flugretter alle primär Bergretter mit zusätzlicher Ausbildung waren.

Am 26. Dezember wird die erste Schutzhütte des „Österreichischen Ski-Vereines“, die Nansen-Hütte am Stuhleck eröffnet. Das Stuhleck war am 13.2.1891 als erster Berg Österreichs mit Schiern erstiegen worden, und zwar von Max Kleinoschegg, Toni Schruf und Walter Wenderich.

Viele Organisationen, wie alpine Vereine, ihre Sektionen oder die Feuerwehr waren immer schon zur Bergung von in den Bergen Verunfallten herangezogen worden, so wurde zum Beispiel in Reichenau in der dortigen Sektion des Alpenvereins ein Fonds zur finanziellen Absicherung bei allfälligen Bergungen beschlossen. Nun aber kamen in Wien im Alpenclub und anderen alpinen Vereinen sofort nach dem Unglück einige, teils prominente Bergsteiger zusammen, um den Aufbau einer richtigen Rettungsorganisation zu planen. Schon am 24. April 1896 wurde ein vorbereitendes Komitee („Alpines Rettungscomitée) gebildet, das sich nun an die örtlichen Sektionen der alpinen Vereine um Mitarbeit beim Aufbau und bei der Tätigkeit wandte.

 

Nach der offiziellen Gründungsversammlung am 22. Mai 1896 in Wien wurden diese örtlichen Sektionen als Localstellen mit der Betreuung ihrer Gebiete beauftragt. Eine dieser Localstellen befand sich im Schneebergdörfl, Gemeinde Puchberg am Schneeberg, geleitet vom damaligen, aus Vorarlberg stammenden Lehrer Ferdinand Bürkle. Die weiteren Localstellen zur Zeit der Gründung waren Reichenau (Hans Staiger, Vorsitzender der ÖAV-Sektion), Mürzzuschlag (der berühmte Schipionier Toni Schruf, Hotelier), Aflenz-Thörl, Obersteier und Langau noch ohne namentlich genannten Obmann, und als 7.Localstelle Admont (Bürgermeister Pongratz).

 

Die schon lange schwelende Idee einer zentral organisierten und zugleich lokal tätigen Organisation zur Rettung für am Berg Verunglückte wurde also durch diesen Unfall endlich von Wien aus in die Tat umgesetzt, wobei allerdings von Anfang an die örtlichen Bergsteiger-Vereine oder Sektionen zur Mitarbeit aufgefordert wurden. Die in diesen sich sammelnden Männer wurden dann als Localstelle unter der Leitung eines Obmannes als Bestandteil des ARAW geführt.

Die Geschichte der Bergrettung

In den folgenden Jahren nach der Gründung des ARAW wurden nach dem Wiener Vorbild rasch weitere Rettungsorganisationen in und außerhalb Österreichs gegründet. Das System mit einer Zentralstelle und örtlichen Rettungsgruppen bewährte sich gut, nur der jährliche Obmannwechsel erwies sich als nicht vorteilhaft, weil die Ansprechpartner zu oft wechselten. Beim ARAW wechselten wohl laufend die Obmänner, aber Kopf und Einsatzleiter war immer Heinrich Krempel, und zwar bis 1912.

 

Danach übernahm der renommierte Bergsteiger Rudolf Hamburger für 10 Jahre die Leitung des ARAW. In seine Zeit fällt auch der 1. Weltkrieg, wobei einerseits Rettungsmänner, Gerät und Material verloren gingen, andererseits es durch die Erfahrungen im  Dolomitenkrieg neue Techniken und Gerätschaften wie die Stiglertrage gab.

 

In der Zwischenkriegszeit war die Fortsetzung der Tätigkeit des ARAW besonders schwierig, dennoch wurden lokal anfallende Einsätze weiterhin von den örtlichen Stellen besorgt, in Zusammenarbeit mit den alpinen Vereine bzw. deren Sektionen und ihren Gruppen, die die jeweiligen Localstellen sowohl personell als auch finanziell unterhielten. 1922 übernahm Adolf Noßberger, Obmann der Sektion Wiener Lehrer, diese Leitung. Er sammelte alle Gruppen, organisierte erstmalig eine gemeinsame Ausbildung und installierte von Wien aus neue Ortstellen, zum Beispiel in Kals in Osttirol. Er versuchte auch über die Übergangszeit und in der NS-Zeit den alpinen Rettungsdienst als solchen selbständig zu erhalten.

 

1938 wurde der ARAW in die Deutsche Bergwacht  eingegliedert. Es wurde alles reglementiert, bestimmt und befohlen. Noßberger beharrte, solange es überhaupt möglich war,  auf dem Untertitel „Nachfolger des ARAW“. Die Bergwacht bekam 1943-1945 immer mehr  Hilfspolizeiaufgaben.

 

Nach 1945 wurde sofort weiter gearbeitet, nicht nur zentral, sondern auch jeweils in den Ortsstellen, wobei die Tätigkeiten und Möglichkeiten stark von den Besatzungsmächten bestimmt wurden. Die 1934 aufgelösten Naturfreunde wurden wieder aktiv und nomminierten Karl Svoboda zum Bevollmächtigten. Svoboda kannte als Bergwachtmann die Aufgaben der Bergrettung, sowie die Querelen mit den alpinen Vereinen und verfolgte daher erfolgreich den Gedanken eines vereinsunabhängigen Bergrettungsdienstes. Alfred Hudec wurde 1947 sein Nachfolger bis 1949.

 

Bereits 1946 hatte sich der Bundesverband in Salzburg als „Österreichischer Bergrettungsdienst“ konstituiert. Da Österreich in 4 Zonen geteilt und von den Besatzungsmächten abhängig war, ergab sich unter anderem dadurch die Aufteilung in die Landesorganisationen. Der Bundesverband wurde 1946 – 1976 von Hans Auer, 1976 – 1996 von Oskar Vonier und wird seit 1996 von Reinhold Dörflinger als Präsidenten geführt.

 

In Wien, Sitz des ARAW und anschließend Sitz der Landesorganisation NÖ/W, mussten nach dem Krieg nicht nur vereinsinterne Probleme gelöst werden, sondern auch die Versuche der alpinen Vereine, die Bergrettung zu vereinnahmen. Sie wollten zumindest Einfluß nehmen und entsandten Vertreter, so zum Beispiel Ing. Proksch, der die Bergrettung ins Rote Kreuz (wie in Deutschland) einbringen wollte. Ing. Hannes Waidhofer, der 1952 Landesleiter wurde, gelang es dann die Ortsstellen zu einen und die Bergrettung als unabhängigen Verein zu erhalten.

 

1965 suchte Hans Hejduk, der immer schon viel in der Landesleitung mitarbeitete, vergeblich eine neue Führungsfigur. „Er blieb dann  über und  selbst bis 1988 Landesleiter“. Sein besonderes Augenmerk galt der Ausbildung, wobei er unter anderem durch seine Vorträge über den „guten Zuspruch“ (damalige Bezeichnung für die Psychische Erste Hilfe), gewürzt mit Folien, berühmt wurde. Wolfgang Pointner übernahm nach 23 Jahren Hejduk die Landesleitung und zwar bis 1995.  Dr. Fritz Fischer war nur  bis 1996 Landesleiter, ihm folgte bis 1997 sein Stellvertreter Dipl. Ing. Gernot  Alfons, der aus beruflichen Gründen an Dr. Wolfgang Ladenbauer übergab. Diesem gelang es mit seinem Team, nicht nur die Strukturen, Ausbildung und Einsatzorganisation den modernen Erfordernissen anzupassen, sondern die Bergrettung in Niederösterreich auch finanziell und rechtlich (NÖ Rettungsgesetz mit Wirksamkeit vom 20.9.2002) abzusichern. Seit 2007 ist Oberst Franz Lindenberg der neue Landesleiter (mit Wolfgang Ladenbauer als Stellvertreter). Er hat sich schon zehn Jahre lang als Landeseinsatzleiter und Vertreter der Bergrettung in öffentlichen Institutionen Verdienste gemacht.