Tiefe Schluchten, eiskalte Bäche und glitschige Felsen - das ist das Haupteinsatzgebiet der Canyoninggruppe der Bergrettung. Wenn es für die Wasserrettung zu steil und für die Bergrettung zu nass ist, kommen die 16 Retter dieser Spezialgruppe zum Einsatz. Ihre Dienste werden im Westen Niederösterreichs benötig, aber auch mit den angrenzenden Ortsstellen der Steiermark existiert eine enge Zusammenarbeit.

Dabei ist die Canyoninggruppe keine eigene "Ortsstelle", sondern sie bildet sich aus 14 Männern und zwei Frauen aus den Ortsstellen Annaberg, Mitterbach, Lackenhof und Göstling, die insgesamt zwölf Schluchten betreuen - vier davon werden kommerziell begangen. Deswegen wird im Ernstfall zuerst die betreffende Ortsstelle alarmiert, die die Einsatzleitung innehat und im Bedarfsfall die Spezialgruppe anfordert. Die Canyoning-Retter haben ihre persönliche Ausrüstung immer bei sich zu Hause, um ohne Umwege über die Einsatzzentrale schnellstmöglich an den Ort des Geschehens gelangen zu können.

Rettungen unter extremen Bedingungen

Der Zeitfaktor spielt, wie bei allen Rettungsaktionen, auch hier eine große Rolle. In der Schlucht kommt hinzu, dass das Wasser eiskalt und die Rettungskette oft bedeutend länger ist. Meist muss der Zeuge eines Unfalls erst einmal Handyempfang suchen oder gar zum Auto gelangen, da er das Handy in der Schlucht nicht dabei hat. Wenn er aber den Notruf abgesetzt hat, läuft alles in gewohnten Bahnen ab: siehe Alarmierungen. Wollen die Retter dann eine verletzte Person abtransportieren, läuft alles wie bei einem Einsatz in steilem Gelände ab. Die Trage, in diesem Fall eine UT 2000 mit Schwimmkörper, wird in Falllinie abgelassen. Der einzige Unterschied zum alpinen Gelände ist, dass nicht am Doppelstrang, sondern am Einzelstrang abgelassen wird, da nur der Verletzte (ohne Retter) abgelassen wird.

Die häufigsten Ursachen für einen Einsatz sind laut Andi Etzler, Landescanyoningreferent, Verletzungen durch Sprünge, zu viel Wasser oder zu spätes Einsteigen. Auch Schluchtengeher mit herkömmlicher Kletterausrüstung setzen sich selbst einem unnötigen Risiko aus, fügt Ernst Kölch hinzu. Sprünge in Becken, die bei den letzten paar Mal hineinspringen ohne Bodenkontakt und somit ohne Folgen geblieben sind, können dann fatal enden, wenn ein Hochwasser das Becken mit Geröll gefüllt hat. Darum ist ein vorheriges Ausloten des Beckens unabdingbar. Genauso wichtig ist es, die lokale Wettersituation laufend zu beobachten, vor allem die Niederschlagsmenge einige Tage vor der geplanten Tour. Es schadet auch nicht, sich Kenntnisse in Meteorologie anzueignen um etwaige lokale Gewitter erkennen zu können bevor sie entstehen. Mit der Anzahl der Begehungen steigt auch die Erfahrung und man kann leichter beurteilen, wie lange man durch eine Schlucht unterwegs sein wird. Hilfreich sind hierbei auch Topos, ähnlich denen einer Kletterroute.

Österreichweit gleicher Ausbildungsstand

Eine Besonderheit der Canyoninggruppe Niederösterreich ist die enge Zusammenarbeit mit den "Schluchtlern" aus der Steiermark. Durch die landschaftlichen Gegebenheiten ist es oft so, dass die Niederösterreicher schneller am Einsatzort sein können als die Steirer, wie etwa im Gesäuse. So werden also immer jene Retter alarmiert, die am schnellsten helfen können. Auch als Besonderheit im österreichischen Bergrettungswesen kann man den bundesweit gleichen Ausbildungsstand aller Canyoningretter ansehen. Bis auf einige lokal bedingte unterschiede wird in ganz Österreich auf dieselbe Art und Weise gearbeitet.

Will jetzt ein Bergretter der Canyoninggruppe beitreten muss er erst einmal seine ÖBRD-Ausbildung abgeschlossen haben. Unabdingbar sind eine Affinität zu (kaltem) Wasser, Engagement, Zeit und ein Wohnort im Einsatzgebiet oder zumindest nicht weit weg. Engagement und Zeit sollte er öfter für private Canyoningtouren aufbringen, denn in der Schlucht sollten alle Handgriffe perfekt sitzen und das erreicht man nur durch ständige Übung. Dieser sogenannte Anwärter geht dann erst einmal eine gemeinsame Tour mit dem Ausbildungsleiter. Gibt dieser sein o.k. kann die Ausbildung mit einem fünftägigen Kurs beginnen. Es folgt eine Lektion im Strömungsschwimmen, eine Einsatzübung und eine Nachtübung. Am Schluss muss der Anwärter eine Tour selbstständig planen und eine Gruppe durch eine Schlucht führen. Diese Ausbildungstage finden nicht zwingend in Niederösterreich statt, schöne Schluchten gibt es immerhin so viele im Alpengebiet.

Alle Knoten sind lösbar

Diese Ausbildung ist sehr Umfangreich, was aber auch seinen Sinn macht. Gibt es doch nicht wenige Unterschiede zu den Methoden der Bergrettung im alpinen Gelände. Der wohl gravierendste Gegensatz ist der völlige Verzicht auf jegliche Redundanzen nach dem Motto: "Lieber ein gebrochenes Bein als ersoffen". Alle Knoten sollen lösbar sein, somit wird die Chance, beim Hantieren mit dem Seil irgendwo hängezubleiben gering gehalten. Bleibt man etwa beim Abseilen mitten in einem Wasserfall hängen, weiß man, wieso darauf großen Wert gelegt wird. Auch in der Ausrüstung gibt es klarerweise große Unterschiede. Unabdingbar ist der halbtrockene Neoprenanzug, der spezielle Klettergurt mit Hosenbodeneinsatz für Rutschen und die Schuhe mit extrem rutschfester Sohle. Ein Messer muss immer griffbereit sein um im Ernstfall ein Seil kappen zu können. Weiters wird das Setzzeug immer mitgeführt, falls es nötig ist an einer Stelle abzuseilen, an der es keine Haken gibt oder die Abseilhaken durch Felssturz beschädigt wurden. Eine Sonde mit Haken ist dann hilfreich, wenn man Wasserbecken sondieren will oder als Hilfsmittel für einen Notausstieg. Auch der Abseilachter unterscheidet sich vom alpinen Gegenstück und nennt sich Piranha (siehe Bild oben).

Die Anfänge hat die Canyoninggruppe in den frühen 90er-Jahren, als das "Schluchteln" zum Trendsport wurde. Die Wasserrettung konnte die Verunfallten aufgrund des Geländes nicht aus ihrer Zwangslage befreien, wodurch die Höhlenrettung fürs erste einsprang. Anfang der 90er hat dieses Ressort dann die Bergrettung übernommen.

Anna-Maria Walli
Bilder: Ernst Kölch

 

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